
Zu einem caritativen Soziokulturellen Zentrum soll der Komplex an der Weseler Straße umgebaut werden. © Berthold Fehmer
Die demographische Prognose zeigt, dass es 2040 wesentlich mehr ältere Menschen in Schermbeck geben wird als heute. So steigt die Zahl allein der Über-80-Jährigen von 2015 bis 2040 um 163 Prozent. „Die Gemeinde hat nicht die soziale Infrastruktur wie eine größere kommunale Einheit mit unterschiedlichen verorteten Beratungs- und Hilfsangeboten“, so Bürgermeister Mike Rexforth. Er meint beispielsweise Pflegeberatungsstellen, wie sie in größeren Gemeinden existieren.
Deshalb schlägt die Verwaltung den Ratsmitgliedern für die Sitzung am 26. Juli den Aufbau einer niederschwelligen Kultur- und Begegnungsstätte, ein caritatives Soziokulturelles Zentrum im Gebäude des Alten Rathauses der ehemaligen Bücherei vor. Soziokulturelles Zentrum hieß der Trakt zwar bisher auch, doch hätten sich die Anforderungen in den vergangenen 25 Jahren grundlegend verändert, so das Konzept des Caritasverbands Dinslaken: Damals sei der Armutsbegriff anders definiert gewesen, „wir standen vor den Hartz-IV-Gesetzen“. Hinzu kämen die Wanderungsbewegung zu den großen Städten sowie die Zuwanderung aus Kriegs- und Krisengebieten.
Mittelpunkt dieses Zentrums, betrieben vom Caritasverband, ist ein Café, das als niederschwellige Begegnung ermöglicht. Erfahrung in der Kooperation haben Gemeinde und Caritas bereits bei der Flüchtlingsbetreuung gesammelt. Zudem betreibt die Caritas bereits eine Beratungsstelle in Schermbeck. Im Café sollen sich Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkunft treffen können.
Das Café soll umrahmt werden von Fachdiensten des Caritasverbandes. Bei Bedarf soll über das Café Kontakt zu den Fachdiensten hergestellt werden - oder auch zu Versorgungs-, Betreuungs- oder Beratungsmöglichkeiten über den Caritasverband hinaus. Außerhalb der Öffnungszeiten des Cafés sollen auch Initiativen und Gruppen die Räumlichkeiten als Veranstaltungsraum nutzen können.
Tagespflege mit 15 Plätzen
In einem Teil der ehemaligen Bibliothek ist zudem eine Tagespflege für demenziell veränderte Menschen geplant. 15 Plätze soll die Einrichtung auf etwa 300 Quadratmetern fassen. Das Pflegeangebot werde, „so weit es geht“, auf die Menschen und deren Lebenswirklichkeit ausgerichtet. So soll auch ein Betreuungsbedarf in den Nachtstunden dort erfüllt werden, falls die Arbeitszeiten von pflegenden Angehörigen das erfordern.
Zahlreiche Beratungsangebote will die Caritas in den Komplex integrieren. Allgemeine Altenberatung, Fachberatung Demenz, Wohnungslosenberatung und -begleitung sowie die Beratung und Begleitung von Geflüchteten. Aus der Beratung sollen auch ehrenamtliche Dienste hervorgehen: Ambulanter Palliativ- und Hospizdienst, Besuchsdienst der Altenberatung und Entlastungsdienst der Demenzberatung. Auch die ehrenamtliche Nachbarschaftsberatung wird in diese Angebote einbezogen (eine Trägerschaft durch die Caritas ist angedacht), wie auch generell die ehrenamtlichen Strukturen im geplanten Zentrum einen besonderen Stellenwert erhalten sollen, das eine „Freiwilligenzentrale“ unterhalten wird.
Praxisräume für Fachärzte
Geplant sind im neuen Zentrum auch Praxisräume, die von Fachärzten als Dependancen zum Beispiel für Sprechstunden genutzt werden können. Besonders angesprochen werden sollen Fachrichtungen, die bislang in Schermbeck nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung stehen (etwa Kinderarzt).
Polizei und VHS, die bislang schon im Soziokulturellen Zentrum untergebracht waren, werden von den Änderungen unberührt bleiben. Überhaupt soll die Gemeinde durch einen Vertrag mit dem Caritasverband Einfluss auf die Zielsetzung, Umsetzung und Qualität des Angebots erhalten. Eine „Kooperationskonferenz“, mit Mitgliedern aus Verwaltung und Caritas, soll das Gesamtprojekt begleiten, evaluieren und weitere Handlungsschritte bestimmen.
Förderprogramm
Finanziert werden die angedachten Dienste durch Mittel der Gemeinde, des Caritasverbands sowie je nach Verantwortlichkeit der Pflegekasse, Krankenkasse, des Bundes oder Landes oder Stiftungen usw.. Die Projektkosten liegen laut Verwaltung bei 1,1 Millionen Euro. Dabei hoffen Gemeinde und Caritas, dass für Schermbeck das Förderprogramm „Investitionspaket Soziale Integration im Quartier NRW 2018“ greift, für das ein Förderantrag bis zum 31. Juli gestellt werden muss. Im Falle einer Zusage soll die Gemeinde einen Kaufwert ermitteln, zu dem sie das Alte Rathaus veräußern kann. Möglich ist auch, dass die Caritas nur Teile des Gebäudes übernimmt, da das (alte) Soziokulturelle Zentrum mit Fördermitteln gebaut wurde und Fristen zu berücksichtigen sind.
Mit der Errichtung von 17 barrierefreien Wohneinheiten will die Caritas zudem zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen sollen ältere Menschen dort Betreuungs- und Sicherheitsleistungen wie Hausnotruf, Beratung und Begleitung erhalten und bei Bedarf auch Pflege, Hauswirtschaft und Mahlzeitendienst wählen können. Gleichzeitig soll durch das Projekt der freiwerdende Wohnraum mit der Ansiedlung von jungen Familien gefüllt werden.
